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einzigART - Museumsverein Kassel e.V.


"Christus am Kreuz mit Maria und Johannes"

Albrecht Altdorfer (um 1480-1538)

Altdorfer_Kreuzigung

Text von Christiane Just

 

Das wichtigste Ereignis der biblischen Geschichte ist zugleich eines der bedeutendsten Themen in der Kunstgeschichte – die Kreuzigung Jesu. Auch der Regensburger Künstler Albrecht Altdorfer (um 1480 – 1538) hat sich mit diesem Sujet mehrmals auseinandergesetzt. In diversen Graphiken und 5 Tafelgemälden zeigt er verschiedene Darstellungen der Kreuzigung – darunter ein Epitaph aus der Sammlung der Gemäldegalerie Alte Meister der Museumslandschaft Hessen Kassel. Das Tafelgemälde ist um 1512 entstanden. Diese Datierung ergibt sich aus dem Vergleich mit anderen Werken Altdorfers, welche von ihm selbst datiert wurden. Es ist auch eines seiner spannendsten Werke. Es ist eine Kombination der damals neuen Kunst, der Renaissance und greift gleichzeitig auf die Darstellungsweise früherer Epochen zurück.

Auf Lindenholz gemalt, wird uns der Gekreuzigte zusammen mit Maria und Johannes gezeigt. Diese Konstellation geht auf eine Bibelstelle des Johannes-Evangeliums (Joh. 19; 26ff.) zurück. Dieses Thema wurde bereits seit dem 7. / 8. Jahrhundert dargestellt und hat somit auch eine lange ikonographische Tradition, der Altdorfer treu bleibt. Der Gekreuzigte, fast überdimensional im Zentrum des Bildes, blutüberströmt, mit gesenktem, dornengekröntem Haupt und wehendem Lendenschurz, zieht den Blick des Betrachters unmittelbar auf sich, auf den Erlöser. Zu seiner Rechten blickt uns direkt, mit trauernder Mine, seine Mutter Maria an. Mit der linken Hand auf ihren Sohn verweisend, die Rechte zum Klagegestus erhoben, ist sie die Vermittlerin zwischen uns und Jesus Christus. Ihr symmetrisch gegenüber steht Johannes. Im verlorenen Profil dargestellt, können wir ihn nur in Rückansicht sehen und anhand des leicht gesenkten Kopfes seine Trauer erahnen. Der Blick fällt dann auf den unteren Teil des Kreuzes. Es ist mit einem Keil in einem Steinhaufen verankert. Hierbei handelt es sich um die sinnbildliche Darstellung des Berges Golgatha mit dem Hinweis auf die Schädelstätte Adams, des Urvaters. Anstelle des sonst dargestellten symbolträchtigen Schädels stellt Altdorfer hier das Wappen der Stifter, welche sich zur Rechten und Linken in kniender Position befinden. Man vermutet hinter dem Hexagramm die Familie des Lucas Aumair, kann dies aber nicht mit Sicherheit belegen. Eingebettet ist die gesamte Szene im Vordergrund in eine Waldszenerie, während sich im Mittelgrund eine Stadt befindet, welche dann von einem Gewässer und einer Bergkette abgeschlossen wird. Ob es sich bei der Stadt um das Heilige Jerusalem handelt oder ob es insgesamt eine Weltlandschaft ist, wird in der Kunstgeschichte noch heute diskutiert und soll deshalb an dieser Stelle offen bleiben.

Interessant ist aber die Funktion des Bildes. Als Epitaph war es in einem öffentlichen Raum, einer Kirche allen Gläubigen zugänglich. Denn das dieses Bild in einer Privatkapelle hing ist eher unwahrscheinlich, da die Malweise Altdorfers auf eine Fernwirkung ausgelegt ist. Durch die Herauslösung der drei Hauptfiguren aus dem historischen Geschehen und deren bühnenartigen Anordnung entziehen sie sich der historischen Szene und wirken als reines Repräsentationsbild, welches der Andacht dient. Schon im Mittelalter nutzte man die bildliche Darstellung als Unterstützung der Predigten, um Laien die Textinhalte der Bibel näher zu bringen. Das Bildungsbürgertum, zu dessen Kreisen auch die Stifter gehörten, nutzen ihre Fundatio (Stiftung) zu Erhaltung der eigenen Memoria (Erinnerung). Denn durch die Gabe eines solchen Werkes waren die Geistlichen verpflichtet die Familie und die Angehörigen in ihre Stundengebete mit aufzunehmen und sorgten somit für deren Andenken.

Die Szene ist zwar aus ihrem historischen Kontext herausgelöst, der dargestellte Zeitpunkt ist aber durch ein kleines Detail im Bild genau festgelegt. Nicht nur der gesenkte Kopf von Christus, mit den geschlossenen Lidern, weist auf seinen Todeszeitpunkt hin, sondern auch Sonne und Mond, die beide leicht hinter einer Wolke versteckt sind. Das Ableben Christi führte zwar zur Erlösung der Menschheit, mahnt aber an die Finsternis der Todesstunde, auch wenn der Himmel sonst blau strahlt und mit ein paar Wolken einen schönen Tag suggeriert. Ebenso übernehmen Maria und Johannes, aber auch die Stifter wichtige liturgische Aufgaben. Maria als Symbol der compassio, weist den Betrachter auf das Leiden des Gottessohnes hin. Johannes übernimmt die Rolle der rememoratio, also die Erinnerung an das Geschehen. Durch seine uns abgewandte Haltung kommt ihm die Rolle des Augenzeugen des Geschehens zu. Mit dem Buch unter seinem rechten Arm wird diese Rolle noch verstärkt, denn es könnte der Niederschreibung des Ereignisses und der damit verbundenen Verbreitung dienen. Die Stifter sind Identifikationsfiguren für den Betrachter, sie dienen der immitatio. Der Betrachter soll sich mit ihnen identifizieren und genau wie sie durch das Gebet den Opfertod Christi würdigen. Zur weiteren Anleitung des Gläubigen könnte auch eine Inschrift unterhalb des abgeschnittenen Titulus (am oberen Kreuzesrand INRI – Jesus von Nazareth König der Juden) gedient haben. Lesen kann man hier 88 X, was als Hinweis auf den 88. Psalm gedeutet werden könnte. Die numerische Anordnung von Psalmen war schon seit dem Mittelalter bekannt, während die genaue Verszählung erst Ende des 16. Jahrhunderts einsetzte. Es gibt unter anderem auch die Vermutung, dass diese Inschrift nachträglich hinzugefügt worden ist. Das Thema des 88. Psalms, der von der Gnade und der Größe Gottes berichtet, würde allerdings sehr gut passen. Neben der bildlichen Darstellung die auf die Anteilnahme des Gläubigen abzielt, soll ihm hier zugleich die Allmacht des Herrn vor Augen geführt werden.

Durch gezielte Darstellung einzelner Figuren war Altdorfer in der Lage einem Werk eine bestimmte Funktion zuzuteilen und zählt durch sein Können zu einem der größten deutschen Künstler der Renaissance.

 

„Christus am Kreuz mit Maria und Johannes“ von Albrecht Altdorfer, um 1512, Lindenholz, 101,5 x 116 cm

 

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